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Ein Kunsttagebuch von Stephanie Hauschild
 

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Mumien in München

Ups, jetzt habe ich schon wieder mehrere Monate nichts in diesem Blog geschrieben. Natürlich ist es nicht so, dass zwischendrin nichts Interessantes passiert wäre, über das es sich zu schreiben gelohnt hätte: Eine zweite Reise nach Berlin, um einen Vortrag über Klostergärten zu halten, der Botanische Garten in Berlin, die gestohlene Papst-Reliquie aus Köln, die Arbeit an meinem neuen Buch über Gärten im alten Rom ...

Allerdings habe ich jetzt auch eine Facebook-Seite und ich muss gestehen, dass Einträge dort einfach leichter zu kontrollieren sind und es mit den Bildern dort auch besser klappt. Anyway - das letzte Wochenende in München ist schon einen Eintrag wert. Anlass für die Reise war das Bruce-Springsteen-Konzert im Olympiastadion: Grauenhafte Akustik, großartiges musikalisches und emotionales Erlebnis. Danach war es gar nicht so leicht, nach der Euphorie wieder auf ein normales emotionales Level zu finden.

Ein Besuch im Museum könnte da vielleicht helfen, habe ich mir gedacht. Ausgesucht habe ich mir das Ägyptische Museum , das ich bisher überhaupt noch nicht kannte. Es wurde erst 2013 eröffnet und ist im selben Gebäude untergebracht wie die Hochschule für Film und Fernsehen. Der tief gelegene, über eine flache breite Treppe zu erreichende Eingang wirkt wie eine monumentale Grabkammer. Er ist gar nicht so leicht zu entdecken und nur sehr zurückhaltend beschriftet. Drinnen erwartet die Besucherin sehr freundliches Personal und eine sehr moderne und zum ägyptischen Thema passende Achitektur. 7 € Eintritt sind erträglich. Viel Mühe haben sich die Verantwortlichen mit dem didaktischen Aufbau der Dauerausstellung gegeben. Eine Linie auf dem Fußboden führt durch die Sammlung, so dass man sich eigentlich nicht verlaufen kann. Vermittelt werden Grundkenntnisse zur altägyptischen Kunstgeschichte und Geschichte und zur Lebensweise der alten Ägypter. Die Objekte sind sorgfältig ausgesucht und werden erlesen schön präsentiert.

Nachdem ich den Anfang mit den Skulpturen etwas sperrig fand, wurde es im hinteren Teil dann interessanter: Kleinformatige Modelle von Ställen, menschlichen Figuren mit beweglichen Armen und wundervoll geschnitzten Tieren als Grabbeigaben, ein ewig langer Papyrus mit den Texten des sogennnten "Totenbuchs", bronzene Spitzmäuse, die als Verkörperungen des Sonnengottes verehrt wurden, Oxyrhynchos-Fische, ein wunderschöner silberner Horusfalke, einige Mumienbildnisse aus Fayoum und natürlich Mumien.

Und hier wird es interessant: Das Museum zeigt nämlich keine ausgewickelten Mumien, so wie ich das im Senckenberg-Museum in Frankfurt gesehen habe. Die einzige Mumie, die in München zu sehen war, war eingewickelt mit einem Mumienbild als Maske. In einer bemerkenswerten Beischrift wird erklärt, warum sonst nur die Sarkophage gezeigt werden: Die alten Ägypter haben nämlich den physischen Tod und die Behandlung der Toten mit einem strengen Tabu belegt. In ihren Bildern ist der Leichnam selbst unsichtbar. Dargestellt wird nur die kunstvoll mit Bandagen verhüllte und mit einer Maske verhüllte Leichnam. Gezeigt wird nur der verklärte Tote, der eine neue, ewige Wesenheit angenommen hat. Tote ohne diese Verklärungen werden in Bildern nur dargestellt, wenn es sich um im Jenseitsgericht gescheiterte Sünder handelt, um politische oder magische Feinde. Unter diesem Aspekt betrachtet, ist die Zurschaustellung eines Leichnams eines alten Ägypters im Museum gleichbedeutend mit dessen Verdammnis. Der Text schließt mit der Aufforderung: Es sollte daher selbstverständlich sein, diese Scheu der alten Ägypter vor dem toten Körper zu respektieren.

Dieser Meinung zur Ausstellung von toten Menschen im Museum schließe ich mich gerne an.

1 Kommentar 21.6.16 10:38, kommentieren

Andenken aus Italien

 Dieser schöne Fächer wurde vor einigen Wochen bei Ebay angeboten. Versuchsweise habe ich mitgeboten, bekommen habe ich ihn am Ende aber nicht.

Gerne hätte ich ihn ersteigert, weil er einige Gemeinsamkeiten mit einem meiner Lieblingsstücke aus dem dem Museum für angewandte Kunst in Frankfurt aufweist.

Das Frankfurter Exemplar zeigt eine ganz ähnliche Aufteilung in jeweils zwei eckige und ein ovales Bildfeld mit dazwischen eingesetzten Ornamenten, die an antike Wandmalerein erinneren. Die reduzierte Farbigkeit ist ebenfalls ähnlich, die Darstellung der Cestius-Pyramide rechts ist auf beiden Fächern sogar gleich. Hingegen ist auf dem Frankfurter Fächer auf der linken Seite ein römischer Rundtempel abgebildet und in der Mitte die freie Wiedergabe einer pompejanischen Wandbildes. Der Ebay-Fächer zeigt stattdessen einen antiken römischen Stadtturm und in der Mitte den Petersplatz samt Petersdom.

Angeboten wurde der Fächer bei Ebay als französische Arbeit aus dem 19. Jahrhundert. Der Vergleich mit dem aus dem späten 18. Jahrhunderts stammenden Museumsexemplar legt jedoch nahe, dass auch der Ebay-Fächer älter sein dürfte als angegeben. 

Solche Fächer mit Darstellungen der Schönheiten und Sehenswürdigkeiten Italiens waren im 18. Jahrhundert unter Touristen sehr beliebt. Die italienischen Fächerhersteller belieferten die Touristen mit Bildern der damals beliebtesten Sehenswürdigkeiten. Dazu gehörten die Meisterwerke der Antike ebenso wie Besipiele der jüngeren Kunst und Architektur. So hat sich der Maler oder die Malerin des Ebay-Fächers ganz auf römische Architektur konzentriert. Der Frankfurter Fächer zeigt neben den beiden römischen Gebäuden zusätzlich ein Wandbild, das damals in einem Museum bei Neapel zu sehen war. Tatsächlich gab es in Rom und Neapel Handwerksbetriebe, die sich ganz auf die Produktion solcher sogenannten "Souvenir-Fächer" spezialisiert hatten. Diese Fächer nahm man - wie heute vielleicht Postkarten - von der Reise mit nach Hause, um sich an die vergangene Reise und die gesehenen Kunstwerke und Gebäude zu erinnern oder jemanden etwas Schönes mitzubringen.

Der bei Ebay angebotene Fächer dürfte unter ganz ähnlichen Umständen und im selben Zeitraum entstanden sein wie der Frankfurter Fächer und wohl aus einer Werkstatt aus Rom oder Neapel stammen. Doch im Unterschied zum Museumexemplar ist der Ebay-Fächer vollständiger erhalten: Das Blatt des Frankfurter Fächers wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt auf neue Stäbe aus Kunststoff oder Zelluloid montiert, den es im 18. Jahrhundert noch nicht gab. Damals stellte man die Stäbe aus Elfenbein, Perlmutt oder manchmal auch aus Bein, also Knochen her. Aus Knochen sollen der Beschreibung zufolge auch die Stäbe des Ebay Exemplares  bestehen. Für die beiden äußeren hübsch geschnitzten Stäbe trifft dies mit Sicherheit zu. Ob das Material auch für die inneren Stäbe verwendet wurde, kann ich aufgrund der Abbildung nicht beurteilen.

Dem neuen Besitzer oder die Besitzerin kann ich zu dem glücklichen Kauf des schönen Stücks nur gratulieren.

20.4.16 14:49, kommentieren

Holbein in Berlin

Für ein paar Tage waren wir mit den Kindern in Berlin: Im Naturkundemuseum gab es das Skelett des Tyrannosaurus Tristan Otto zu bestaunen und für mich noch beeindruckender die Knochen eines gigantischen Brachiosaurus mit winzigem Köpfchen. Lavendelparadiesvögel haben wir gesehen, einen großen Panda, Fische und Reptilien in Alkohol gefüllten Flaschen und Töpfen und eine Biodiversitätswand, die offenbar das Vorbild für die ganz ähnliche Installation im Hessischen Landesmuseum Darmstadt gewesen ist. Wir waren im Zoo, haben das Pergamonmuseum besucht, die Heimat des Drachen Muschchuschu und noch vieles mehr. Den Kindern hat es gefallen, die Eltern waren zufrieden.

Beim Spaziergang auf der Museumsinsel ist mir nun dieses Plakat aufgefallen. Die Fahne wirbt mit einem Detail der "Darmstädter Madonna" für eine Ausstellung über den Maler Hans Holbein dem Jüngeren im wunderschönen Bode-Museum . Gewiss ist das der perfekte Ort, um dem Meister zu huldigen. Anlass der Ausstellung war die großzügige Leihgabe des Schraubenfabrikanten Reinhold Würth, der das inzwischen als "Holbeinmadonna" bezeichnete Bild nach Berlin ausgeliehen hat. Tatsächlich trug das Bild aber über Hundert Jahre lang den Namen "Darmstädter Madonna". Als Prunkstück der Sammlungen des Hauses Hessen wurde es mehr schlecht als recht im Darmstädter Schlossmuseum ausgestellt. Unauffällig und schwer zugänglich hing es in einem dunklen Zimmer und konnte nur kurz während der am Wochenende stattfindenden Führungen betrachtet werden. Irgendeine Art von Werbung oder gar ein Büchlein über das Meisterwerk gab es nicht. So wundert es nicht weiter, dass das Bild im Gedächtnis der Darmstädter trotz seiner Bedeutung nur unzureichend verankert war und erste Nachrichten über einen möglichen Verkauf des Bildes nur von wenigen beachtet wurden.

Die späten und - meiner Meinung nach - nur halbherzigen Versuche der Stadt Darmstadt und des Landes Hessen das Gemälde für das Hessische Landesmuseum Darmstadt oder zumindest für das Frankfurter Städel zu erwerben, blieben auch deshalb erfolglos, weil die Darmstädter Politiker nicht wirklich interssiert waren, Unterhändler nicht geschickt und hartnäckig genug verhandelten und die geschlossenen Vorverträge offenbar einige Lücken aufwiesen. So konnte es geschehen, dass, obwohl schon ein Platz an der Wand im Hessischen Landesmuseum für die Madonna reserviert war, das Bild 2011 an Reinhold Würth verkauft wurde.

Reinhold Würth hat in seiner Heimatstadt Schwäbisch-Hall ein privates Kunstmuseum eingerichtet in dem das Madonnenbild nun einen Ehrenplatz hat. Er lud interessierte Darmstädter inzwischen mehrfach ein "ihr Bild" am neuen Ort zu besuchen und erwies sich als großzügiger Gastgeber. Kein Zweifel: das Bild ist gut untergebracht, für alle zugänglich und inzwischen wieder ein wesentlicher Teil der Forschungsdiskurs. Ausleihen in andere Museen stellen es einem großen Publikum vor, machen es auf diese Weise noch bekannter und steigern zugleich den Wert des Bildes. Und an dieser Stelle liegt für mich eine große Gefahr: Reinhold Würth hat zugesagt, dass er selbst das Bild nicht weiter verkaufen wird. Wie seine Erben mit dem Bild umgehen werden, ist hingegen überhaupt nicht klar. Die Zukunft der Darmstädter Madonna in Privatbesitz ist nicht gesichert und man kann nur hoffen, dass es in den nächsten Jahren nicht an jemanden weiter verkauft wird, dem die öffentliche Präsentation es Bildes gleichgültig ist. Dann würde die ehemalige Darmstädter Madonna nach ihren glanzvollen Auftritten in der Öffentlichkeit endgültig ins Privatleben abtauchen.

 

 

5.4.16 11:57, kommentieren

Federfächer in Paris und anderswo

Während meines Paris-Besuchs im letzten Dezember habe ich die Gunst der Stunde genutzt, um mir neben der sensationellen Vigée Le Brun-Ausstellung auch noch einige Sachen anzuschauen. Louvre und Sainte Chapelle waren der Attentate wegen weniger überfüllt, der Teeraum der großen Moschée war so gut wie leer.

Die größte Entdeckung war für mich jedoch das kaum bekannte Musée de L'Eventail Anne Hoguet auf dem Boulevard de Strasbourg. Den Hinweis auf das versteckte Kleinod hatte ich von einer Freundin bekommen, die wußte, das ich mich für Fächer interessiere. Das Musée de L'Eventail befindet sich in der dritten Etage eines typischen französischen Mehrparteienwohnhauses aus dem 19. Jahrhundert. Eigentlich handelt es sich nicht so sehr um ein Museum als um eine Werkstatt, in der immer noch Fächer hergestellt werden und in deren Räumen man sich umsehen darf. In der kleinen angeschlossenen Schausammlung wird anhand von Beispielen erklärt, wie Fächer gemacht wurden. Erst hier ist mir wirklich klar geworden, dass die Stäbe, die das Fächerblatt halten, zur Beurteilung des Fächers fast noch wichtiger sind als das Fächerblatt selbst. Unendlich viel Mühe haben die Fächermacher darauf verwendet, die Stäbe aus tropischem Holz, Perlmutt, Knochen (Bein), Elfenbein, Schildpatt und später aus Bakelit und Zelluloid in Form zu schnitzen, zu bemalen oder mit Blattgold zu verzieren, Initialen, Wappen  der Hersteller und Besitzer darauf anzubringen.

Aufgesucht hatte ich das Museum ursprünglich, um nach Fächern mit Federn zu suchen, die mich derzeit besonders interessieren. Solche mit Straußenfedern aus dem späten 19. und frühem 20. Jahrhundert waren in der Sammlung mehrfach vetreten, ebenso ein wunderschöner asiatischer Rundfächer mit Pfauenfedern. Nicht gesehen habe ich Fächer aus den Federn anderer Vogelarten. So besitzt etwa das Victoria & Albert Museum in London Fächer aus den Federn des Argusfasans oder einen Fächer, der ganz aus den kleinen blauen Federn von Eichelhähern geschaffen wurde.

Wieder zurück in Darmstadt konnte ich mit meinem neu erworbenen Wissen auf meinen Streifzügen bei e-bay feststellen, dass speziell historische Straußen- und Nandufeder-Fächer im Handel gelegentlich zu akzeptablen Preisen angeboten werden. Wenn auch längst nicht in der großartigen Qualität, wie ich sie im Museum bewundern konnte, sondern mit schlichten Stäben aus gesprenkeltem Bakelit. Vor einigen Wochen bin ich beim Stöbern jedoch auf dieses außergewöhnliche Exemplar gestoßen.

 

Für diesen Fächer wurden die Schwungfedern einer großen Eule, vermutlich eines Uhus, auf Stäben aus rotbraunem Holz montiert. Solche Fächer sind wesentlich seltener erhalten geblieben als etwa Straußenfeder-Fächer. Strauße wurden damals bereits in großen Farmen speziell wegen ihrer Federn gezüchtet. Die Federn der Eule hingegen kamen wohl eher zufällig in die Ateliers der Fächermacher. Wie beliebt Fächer auch aus ungewöhnlichen Vogelfedern damals waren, erkennt man, wenn man sich Frauenporträts aus der Zeit anschaut.

Dante Gabriel Rossettis "Monna Vanna" aus der Londoner Tate Gallery trägt einen Federfächer, der unserem Exemplar aus Eulenfedern recht ähnlich sieht, auch wenn ich glaube, dasse sich hierbei um Federn einer anderen Vogelart, vielleicht einer Großtrappe handeln dürfte.

Zudem sind die Federn auf Rossettis Bild am Übergang zu den Stäben und an den Spitzen mit zusätzlichen Flaumfedern verziert, was dem Fächer eine noch üppigere und luxuriösere Anmutung verleiht und den geheimnisvollen Zauber der dargestellten Schönen unterstreicht. Das Bild belegt auf jeden Fall die Vorliebe für exotische Federn als Acessoire modisch interessierter Damen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und macht neugierig auf weitere Fächer aus Federn seltener und exotischer Vögel. 

15.3.16 15:16, kommentieren

Sean Connery und die Kanzlerin

Zu Ehren des letzte Woche verstorbenen Umberto Eco hat Arte gestern sein Programm geändert. Anstelle des von mir erhofften "Unternehmen Pettycoat" um ein rosarot angestrichenes U-Boot mit Tony Curtis und Cary Grant gab es "Der Name der Rose" zu sehen.

Auch in Ordnung. Gehört der Streifen doch zu den Filmen, deren Dialoge ich inzwischen mitsprechen kann. Die schöne, ziemlich originalgetreue Ausstattung, die zum Teil in Kloster Eberbach gedrehten Aufnahmen und natürlich der unglaublich lässige Sean Connery waren einen kurzen Blick auf diesen Film auf jeden Fall wert. Und auch bei vermeintlich alten Bekannten lassen sich ja immer wieder Entdeckungen machen, so auch dieses mal: Begegnet Bruder William doch dem zwielichtigen Abt des Klosters zu Beginn des Films in einer Pose, die inzwischen Karriere gemacht hat und die dem Fernsehvolk aus ganz anderem Zusammenhang bekannt ist:

Der kluge Franziskanermönch hat seine Hände zur "Raute" zusammengelegt, ganz wie wir es von der Kanzlerin kennen. Eine schöne Entsprechung wie ich finde. In beiden Fällen soll die Geste Konzentration, Ruhe und Ünerlegenheit ausdrücken. Kein Wunder, dass diese für Angela Merkel inzwischen ikonische Geste auch bei anderen Personden des öffentlichen Lebens sehr beliebt ist. Erdogan, Guido Westerwelle oder die Duchess of Cornwall wurden bereits mit dieser Geste gesichtet. In Blogs und Artikeln wird über die Bedeutung und Herkunft der Geste spekuliert.

Wie schön, dass wir über diesen Vergleich nun belegen können, dass Angela Merkel offenbar Filme mit Sean Connery mag und möglicherweise auch Bücher von italienischen Philosophieprofessoren.

Meine Lieblingsstelle im Film, wenn nämlich Bruder William in der Bibliothek eine Abschrift der Apokalypse mit den Anmerkungen eines gewissen Umberto da Bologna entdeckt, habe ich gestern abend aber verpasst. "Akte X" lockte trotz allem mehr als Sean Connery, alte Handschriften und die Erinnerung an einen großen Gelehrten der nebenbei auch wunderbare Bücher schrieb.

2 Kommentare 1.3.16 10:56, kommentieren

Artemisia Gentileschi im Städel

Aus dem Museo di Capodimonte in Neapel stammt dieses Bild mit der Darstellung der blutigen Ermordung des Feldherren Holofernes durch die mutige Judith und ihre Dienerin. Das weltberühmte Bild gehört zu den Schätzen der Ausstellung "Meisterwerke im Dialog", die noch bis zum 24.1. im Frankfurter Städel zu sehen ist.

Auch wenn ich mich im letzten Eintrag  darüber geärgert habe, dass das Ausstellungskonzept nicht wirklich stimmig ist und das mich als Betrachterin ziemlich alleine gelassen hat mit einer Überfülle an Geschichten, so ist Artemisia Gentileschis Bild dennoch ein echter Hingucker, den man so schnell nicht wieder zu sehen bekommt und ein Werk, das man der sehr drastischen Darstellung wegen wohl auch so schnell nicht wieder vergisst. In Kreisen der feministischen Kunsthistorikerinnen gilt die italienische Barockmalerin als eine der wenigen Künstlerinnen, die im Historienfach erfolgreich war und deren Bilder den Werken der männlichen Kollegen tatsächlich konkurrieren konnten.

Dass es ein großartiges Bild ist, das den Vergleich mit anderen (männlichen) Meistern aushält, wird auch bei der Hängung im Städel deutlich, wo man es dem riesigen Rembrandt-Bild von der Blendung des Simsons gegenübergestellt hat. Die Darstellung einer gewalttätigen Szene aus dem alten Testament in der Frauen die entscheidene Rolle spielen, dramatisches, den Bildern Caravaggios entlehntes Helldunkel, verbinden die Bilder miteinander. Aber reicht das auch für eine gelungene Gegenüberstellung? Ich finde: es funktioniert nicht. Mich erinnert diese Konfrontation vielmehr an die vielgübte Praxis im Kunstgeschichtsstudium, Bilder zu vergleichen, um Unterschiede und besonderheiten der Bildsprache herauszuarbeiten.

Im Museum wirkt ein derartiger Vergleich jedoch recht akademisch und trocken. Über die allgmeinen formalen Beziehungen hinaus, verbindet die beiden Bilder keine gemeinsame Geschichte. Rembrandt kannte Artemisia Gentileschi und ihr Bild übrhaupt nicht. Seine Bildidee entwickelte er aus anderen Vorbildern. Artemisia hingegen - so wird kolportiert - soll ihr Bild gemalt haben, um die Erinnerung an eine Vergewaltigung zu bewältigen (da stelle ich mir als schlaumeierische Kunstihistorikerin doch die Frage, welches traumatische Erlebnis Rembrandt wohl mit seinem Bild aufgearbeitet hat).

In Abbildungen oder im Seminar kaum eine Rolle, weil ja nicht erfahrbar, spielt hingegen die die tatsächliche Größe der Bilder, die zur Wirkung und Bedeutung der Werke im Ausstellungsraum aber maßgeblich beiträgt. Gegen Rembrandts riesiges 205 x 272 cm messendes Bild mit den zahlreichen ganzfigurigen Darstellungen wirkt Gentileschis Arbeit mit 159 x 125 cm und gerade einmal drei Halbfiguren klein und bescheiden, wozu auch der sehr schmale moderne Rahmen beiträgt, der das Bild von der weiten Wandfläche und Rembrandts Bild nur unzureichend trennt.

Gegen Rembrandts Bild hat Gentileschis Ermordung des Holofernes trotz schöner Frauen, leuchtender Farben, Blut, und dramatischer Lichtgestaltung optisch kaum eine Chance. Im Museum kommt es eben doch auf die Größe an.

 

20.1.16 10:51, kommentieren

Dialog der Meisterwerke

 

Ein Besuch im Städel ist ja stets eine erfreuliches Ereignis und eine Sonderausstellung wie der in der Presse groß angekündigte "Stars treffen Stars - Dialog der Meisterwerke" war für mich der Grund in den Weihnachtsferien nach Frankfurt zu fahren, um die Ausstellung zu sehen.

Anlässlich des 200 Jahre Städel -Jubiläums hatten sich die Museumsverantwortlichen eine ganz besonderes Konzept überlegt. Anstatt berühmte Werke zu einem bestimmten Thema in einer Sonderausstellung zu versammeln, integrierte man ausgewählte Werke aus anderen Museen in die Schauräume. Eine reizvolle Idee und die Kuratoren haben mit schönen, seltenen und berühmten Bildern auch nicht gegeizt. Vermeer, Van Eyck, Artemisia Gentileschi, Poussin, Liebermann, Tischbein, Rossetti und viele andere sind neben ihren Verwandten im Städel zu bewundern, Ähnlichkeiten, Unterschiede, historische und formale Bezüge, kleine und größere Geschichten über die Sammlungsgeschichte, Herkunft, Aufbewahrung, über Interessen, Themen und Vorbilder der Künstler spiegeln sich in den Gegenüberstellungen.

So weit so gut. Aber dennoch war ich nicht wirklich glücklich in der Ausstellung. Denn viel mehr als viele kleine und sehr verschiedene Geschichten werden eigentlich nicht erzählt. Will sagen: mir fehlte ein echtes Konzept, das all die kostbaren Kunstjuwelen auch tatsächlich zu einem Teil einer großen Ausstellung macht. Denn tatsächlich verbindet die Van Eyck-Tafel aus den USA, ein Gewittersturm von Poussin aus Rouen oder Andy Warhols Goethe-Porträt überhaupt nichts miteinander. Die Bezüge bestehen nur im Nebeneinander der Hängung und auch die scheint manchmal ziemlich willkürlich, so etwa die spektakuläre, aber wenig sinnstiftende Gegenüberstellung von Rembrandts "Blendung des Simsons" mit dem berühmten "Judith und Holofernes" -Bild von Artemisia Gentileschi. Spätestens bei dieser Gegenüberstellung wurde ich das Gefühl nicht mehr los, dass man vor allem berühmte und spektakuläre Bilder ausstellen wollte, ohne genauer darüber nachzudenken, welche Geschichte man eigentlich erzählen will.

Doch handhaabendie Museen ihre Ausleihen besonders bei der alten Kunst sehr restriktiv. Nicht alles, was gewünscht wird, wird auch ausgeliehen. Auch davon dürfte die Auswahl m Städel bestimmt worden sein. Anderen Bildern wiederum begegnet man in Ausstellungen immer wieder. So etwa Dante Gabriel Rossettis "Aurelia" aus der Tate Gallery. In diesem Fall ist die Gegenüberstellung gelungen. Aurelia passt tatsächlich großartig zu Botticellis weiblichen Idealbildnis, weil Rosseti sich anden Meisterwerken der italienischen Frührenaissance orientiert hat. Seine Begeisterung für erotisch aufgeladene verführerische halbfigurige Frauenporträts mit ihrem prächtigen Haar und Schmuck wird auf den ersten Blick deutlich. Tatsächlich funktionieren viele Gegenüberstellungen für sich recht gut. Aber leider werden die Dialoge nicht weiter geführt. So hat der Dialog Botticelli/Rossetti recht wenig mit den beiden Van Eyck-Bildchen zu tun, die im 19. Jahrhundert einmal in der selben Sammlung untergebracht waren, dann aber getrennt wurden. Bob und Nick Carters "Transforming Diptych", die sich bei nährerer Betrachtung als gerahmte i-pads herausstellen, auf denen Insekten Äpfel und Birnen umflattern, sind eine witzige und tiefsinnige zeitgenössische Antwort auf die illusionistische Stilllebenmalerei. Doch steht ihre Arbeit ganz für sich.

 

In der Abteilung des 19. Jahrhunderts ändert sich zudem das Ausstellungskonzept noch einmal. Anstelle ausgewählter Einzelbilder werden hier ganze Bildgruppen in die Sammlung integriert. Zu Tischbeins "Goethe in der Campagna" gibt es mehrere Vorzeichnungen und Warhols Siebdruck in einer speziellen Ausstellungsarchitektur zu sehen. Auch ein Bild von Max Liebermann wurde mit mehrere Vorarbeiten ergänzt. In diesen Beiden Fällen handelt es eigentlich um kleine Kabinettausstellungen. Gut gefallen hat mir die Gegenüberstellung von zwei Versionen der "Villa am Meer" von Arnold  Böcklin.

Wirklich schwierig fand ich in der Abteilung Kunst nach 1945 die Präsentation einer gigantisch großen Kopie von Géricaults "Floß der Medusa" aus Amiens als Gegenstück zu einigen kleinen Bildern, die dieses Bild zitieren. Schauwert der Kopie und Städel-Bilder passen hier m.E. überhaupt nicht zusammen. Hat man sich vielleicht auch deshalb für das Floß-Bild entschieden, um an die aktuelle Not von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer zu erinnern? In der jüngeren Kunstproduktion wird diese Lesart tatsächlich aufgegriffen. In der Gegenüberstellung im Städel wird dieser Punkt aber nicht wirklich deutlich, weil diese imposante Bild alleindurch seine Größe und seine realistische Malerei alle anderen Bilder in der Nähe buchstäblich erschlägt.

Mein Fazit der Ausstellung: Die Betrachtung der Ausleihen in der ständigen Sammlung des Städels fühlte sich für mich an wie eine Schnitzeljagd: von einem Raum zum nächsten, immer auf der Suche nach einem neuen Bild. In der Überfülle der Themen und Dialogangebote war ich bald übersättigt. Ein strengeres Konzept, die Unterordnung der ausgewählten Bilder unter bestimmte Themen und Motive wie etwa Sammlungsgeschichte, "Sehen" oder "Neuinterpretation alter Themen" hätte der Ausstellung bestimmt gut getan. So blieb das ungute Gefühl, dass die Sammlungskuratoren vor allem ihrenpersönlichen Vorlieben gefolgt sind und sich mit ihren Lieblingsbildern vielleicht selbst die größte Freude gemacht haben.

 

2 Kommentare 19.1.16 12:32, kommentieren