kunstlupe

Ein Kunsttagebuch von Stephanie Hauschild
 
 

Kunst = Kapital

  

Lange hat es gedauert, aber am 13. September war es soweit: Das Hessische Landesmuseum Darmstadt öffnete nach sieben Jahren endlich wieder seine Eingangstür. Entsprechend groß war der Andrang am Eröffnungswochenende, an dem bei kostenlosem Eintritt die Schätze des Museums den Darmstädtern in den frisch renovierten und restaurierten Sälen präsentiert wurden. Und zu sehen gibt es viel im HLMD: Prähistorische Tiere, Malerei und Skulpturen von der Antike bis in die Gegenwart, Tierpräparate, Jugendstilschmuck, Möbel, mittelalterliche Altäre, einen tasmanischen Tiger, ein römisches Fußbodenmosaik, das Skelett eines Zwergwals, ein wundervolles Bild von Stefan Lochner, eine ägyptische Mumie, Möbel, Expressionisten, Rubens, Polke, Richter und die Arbeiten von Joseph Beuys.

Ganz schön viel für einen Tag und eigentlich viel zu viel auch für die Führungen durchs ganze Haus, die ich seit zwei Wochen im Museum veranstalte. Ziel dieser Führungen ist es, einen Überblick über das Museum zu geben, das seinem Verständnis nach als Universalmuseum gedacht ist. das heißt: In diesem Museum ist nicht nur Kunst und Kunsthandwerk zuhause, sondern auch die Naturkunde, also Zoologie, Paläonthologie und Geologie. Früher waren die meisten Museen so angelegt. Im Zuge zunehmender Spezialisierungen und ständig neuer Erkenntnisse, ging man aber dazu über, die Museen zu spezialisieren. Häuser, in denen Kunst und Natur unter einem Dach präsentiert werden, gibt es in Deutschland kaum noch. Um so schöner, dass man sich in Darmstadt viel Mühe gegeben hat, beide Disziplinen im Haus gleichwertig unterzubringen.

Doch für mich als Vermittlerin stellt sich nun die Frage: wie erkläre ich den Besuchern, die zwar gerne ins Museum kommen, aber nicht unbedingt in Zoologie oder Kunstgeschichte bewandert sind, die Vielfalt des Hauses? Das Museum ist riesig, um es zu durchwandern braucht es seine Zeit. Dazu gibt es so unendlich viel zu sehen. Inzwischen hat sich herausgestellt, das mehr als 10 - 11 Objekte in 90 Minuten nicht zu vermitteln sind, irgendwann sind auch die neugierigsten Besucher erschöpft. Wichtig ist mir bei meiner Arbeit zudem, die vielen Verbindungen zwischen den Disziplinen aufzuzeigen. Einen schönen Einstieg in die Führung bietet daher ein großes Skelett eines  Mastodon, einer Elefantenart, die mit der letzten Eiszeit ausgestorben ist. Die Tiere lebten in Nordamerika und dort wurde auch das Museumsskelett ausgegraben. Ausgegraben wurde es von dem Maler Charles Peale, der es in seinem Museum ausstellte. In diesem Museum waren neben seinen eigenen Bildern auch Tierpräparate, Mineralien und Fossilien zu sehen, also eigentlich ganz ähnlich wie im HLMD, allerdings etwas anders geordnet und präsentiert. nach Peales Tod wurde das Mastodon verkauft. Über Umwege gelangte es in die Sammlung des in Darmstadt residierenden Großherzogs von Hessen und bei Rhein und später in das 1906 eröffnete Museum, wo es bis heute ein Besuchermagnet ist.

Doch die Geschichte des Skeletts ist mit dem Einzug ins Museum nicht zuende: So erregte das Mastodon Ende der 1970er Jahre das Interesse von Joseph Beuys. Beuys hat das Museum immer wieder besucht und einige Räume mit seinen Werken eingerichtet, die als Block Beuys im obersten Stockwerk ausgestellt sind. 1979 hat sich Beuys vor dem Mastodonskelett fotografieren lassen. Das signierte und mit dem Schriftzug "Kunst = Kapital" beschriftete Foto schmückte ein Ausstellungsplakat für eine Kunstausstellung in Düsseldorf. Das Bild oben befindet sich in der graphischen Sammlung des HLMD befindet Die Formel von Kunst und Kapital schrieb Beuys auch auf 10 DM-Scheine, die er ebenfalls signierte.

Soweit so gut. Was aber haben Beuys und seine Botschaft mit dem Mastodon-Skelett zu tun? Genau bei diesem Punkt wird es interessant: Denn Beuys hat sich seit dem Ende der 1960er Jahre mit Zoologie und Naturwissenschaften beschäftigt. Er hatte Bedenken gegen ein zu einseitiges Kunst- und Wissenschaftsverständnis und wünschte sich einen "erweiterten Kunstbegriff", der von der engen Auffassung weg kommt, nach der Kunst etwas ist, das ein Künstler aus festgelegten Materialien malt, baut oder formt. Für ihn war Kunst und Künstler sein viel mehr: nicht nur finanzielles Kapital - das ist es natürlich auch - aber für Beuys war es auch ein geistiges Kapital, das alle menschlichen Fähigkeiten umfasst. Diese kreativen Fähigkeiten, sich den Umständen immer neu anzupassen und Neues zu schaffen sind für Beuys das umfassendste Vermögen im Evolutionsprozess des Menschen. Sie sind das eigentliche Kapital, mit dem eine Gesellschaft gestaltet werden kann und sie sind das Kapital, das in jedem Menschen schlummert. "Jeder Mensch ist ein Künstler" - auch dies ist ja ein Satz von Beuys - bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Fähigkeiten in jeder Person vorhanden sind und nur darauf warten, freigelegt zu werden, auch wenn nicht jeder von uns ein neuer Rembrandt werden wird.

Das Bild von Beuys vor dem Mastodon zeigt nach dieser Lesart die Zeitspanne, die Menschen bewältigt haben, in dem sie den Herausforderungen und Aufgaben des Lebens kreativ begegnet sind. Das Bild zeigt aber auch die Anknüpfungspunkte für die eigene Arbeit, die Künstler in den naturkundlichen Sammlungen des Museums finden können und schon immer gefunden haben. Denn das Museum ist voller Kunstwerke, die sich auf verschiedensten Arten und Weisen mit Tieren, Pflanze oder Mineralien auseinander setzen und sich darauf beziehen. Genau davon handeln meine Führungen durch die Sammlungen des HLMD zu Zeit.

 

 

 

 

 

 

 

 

26.9.14 12:24

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


(29.9.14 22:02)
Ich habe am vorletzten Sonntag (21.9.2014) an Ihrer Führung teilgenommen und war und bin immer noch sehr beeindruckt. Besonders die Geschichte rund um das Mastodon hat sich mir eingeprägt, und als ich heute bei Wikipedia in der Rubrik "schon gewusst?" den Namen Peale fand, habe ich über diverse Links die Geschichte nochmal ausführlich nachgelesen. Es gibt übrigens auch ein Gemälde von einem der Peales über die Ausgrabung. Ich weiss zwar nicht, ob es verkäuflich ist und wenn ja zu welchem Preis, aber das wäre doch eine nette Ergänzung zu dem Skelett im HLMD.

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