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Ein Kunsttagebuch von Stephanie Hauschild
 

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Dialog der Meisterwerke

 

Ein Besuch im Städel ist ja stets eine erfreuliches Ereignis und eine Sonderausstellung wie der in der Presse groß angekündigte "Stars treffen Stars - Dialog der Meisterwerke" war für mich der Grund in den Weihnachtsferien nach Frankfurt zu fahren, um die Ausstellung zu sehen.

Anlässlich des 200 Jahre Städel -Jubiläums hatten sich die Museumsverantwortlichen eine ganz besonderes Konzept überlegt. Anstatt berühmte Werke zu einem bestimmten Thema in einer Sonderausstellung zu versammeln, integrierte man ausgewählte Werke aus anderen Museen in die Schauräume. Eine reizvolle Idee und die Kuratoren haben mit schönen, seltenen und berühmten Bildern auch nicht gegeizt. Vermeer, Van Eyck, Artemisia Gentileschi, Poussin, Liebermann, Tischbein, Rossetti und viele andere sind neben ihren Verwandten im Städel zu bewundern, Ähnlichkeiten, Unterschiede, historische und formale Bezüge, kleine und größere Geschichten über die Sammlungsgeschichte, Herkunft, Aufbewahrung, über Interessen, Themen und Vorbilder der Künstler spiegeln sich in den Gegenüberstellungen.

So weit so gut. Aber dennoch war ich nicht wirklich glücklich in der Ausstellung. Denn viel mehr als viele kleine und sehr verschiedene Geschichten werden eigentlich nicht erzählt. Will sagen: mir fehlte ein echtes Konzept, das all die kostbaren Kunstjuwelen auch tatsächlich zu einem Teil einer großen Ausstellung macht. Denn tatsächlich verbindet die Van Eyck-Tafel aus den USA, ein Gewittersturm von Poussin aus Rouen oder Andy Warhols Goethe-Porträt überhaupt nichts miteinander. Die Bezüge bestehen nur im Nebeneinander der Hängung und auch die scheint manchmal ziemlich willkürlich, so etwa die spektakuläre, aber wenig sinnstiftende Gegenüberstellung von Rembrandts "Blendung des Simsons" mit dem berühmten "Judith und Holofernes" -Bild von Artemisia Gentileschi. Spätestens bei dieser Gegenüberstellung wurde ich das Gefühl nicht mehr los, dass man vor allem berühmte und spektakuläre Bilder ausstellen wollte, ohne genauer darüber nachzudenken, welche Geschichte man eigentlich erzählen will.

Doch handhaabendie Museen ihre Ausleihen besonders bei der alten Kunst sehr restriktiv. Nicht alles, was gewünscht wird, wird auch ausgeliehen. Auch davon dürfte die Auswahl m Städel bestimmt worden sein. Anderen Bildern wiederum begegnet man in Ausstellungen immer wieder. So etwa Dante Gabriel Rossettis "Aurelia" aus der Tate Gallery. In diesem Fall ist die Gegenüberstellung gelungen. Aurelia passt tatsächlich großartig zu Botticellis weiblichen Idealbildnis, weil Rosseti sich anden Meisterwerken der italienischen Frührenaissance orientiert hat. Seine Begeisterung für erotisch aufgeladene verführerische halbfigurige Frauenporträts mit ihrem prächtigen Haar und Schmuck wird auf den ersten Blick deutlich. Tatsächlich funktionieren viele Gegenüberstellungen für sich recht gut. Aber leider werden die Dialoge nicht weiter geführt. So hat der Dialog Botticelli/Rossetti recht wenig mit den beiden Van Eyck-Bildchen zu tun, die im 19. Jahrhundert einmal in der selben Sammlung untergebracht waren, dann aber getrennt wurden. Bob und Nick Carters "Transforming Diptych", die sich bei nährerer Betrachtung als gerahmte i-pads herausstellen, auf denen Insekten Äpfel und Birnen umflattern, sind eine witzige und tiefsinnige zeitgenössische Antwort auf die illusionistische Stilllebenmalerei. Doch steht ihre Arbeit ganz für sich.

 

In der Abteilung des 19. Jahrhunderts ändert sich zudem das Ausstellungskonzept noch einmal. Anstelle ausgewählter Einzelbilder werden hier ganze Bildgruppen in die Sammlung integriert. Zu Tischbeins "Goethe in der Campagna" gibt es mehrere Vorzeichnungen und Warhols Siebdruck in einer speziellen Ausstellungsarchitektur zu sehen. Auch ein Bild von Max Liebermann wurde mit mehrere Vorarbeiten ergänzt. In diesen Beiden Fällen handelt es eigentlich um kleine Kabinettausstellungen. Gut gefallen hat mir die Gegenüberstellung von zwei Versionen der "Villa am Meer" von Arnold  Böcklin.

Wirklich schwierig fand ich in der Abteilung Kunst nach 1945 die Präsentation einer gigantisch großen Kopie von Géricaults "Floß der Medusa" aus Amiens als Gegenstück zu einigen kleinen Bildern, die dieses Bild zitieren. Schauwert der Kopie und Städel-Bilder passen hier m.E. überhaupt nicht zusammen. Hat man sich vielleicht auch deshalb für das Floß-Bild entschieden, um an die aktuelle Not von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer zu erinnern? In der jüngeren Kunstproduktion wird diese Lesart tatsächlich aufgegriffen. In der Gegenüberstellung im Städel wird dieser Punkt aber nicht wirklich deutlich, weil diese imposante Bild alleindurch seine Größe und seine realistische Malerei alle anderen Bilder in der Nähe buchstäblich erschlägt.

Mein Fazit der Ausstellung: Die Betrachtung der Ausleihen in der ständigen Sammlung des Städels fühlte sich für mich an wie eine Schnitzeljagd: von einem Raum zum nächsten, immer auf der Suche nach einem neuen Bild. In der Überfülle der Themen und Dialogangebote war ich bald übersättigt. Ein strengeres Konzept, die Unterordnung der ausgewählten Bilder unter bestimmte Themen und Motive wie etwa Sammlungsgeschichte, "Sehen" oder "Neuinterpretation alter Themen" hätte der Ausstellung bestimmt gut getan. So blieb das ungute Gefühl, dass die Sammlungskuratoren vor allem ihrenpersönlichen Vorlieben gefolgt sind und sich mit ihren Lieblingsbildern vielleicht selbst die größte Freude gemacht haben.

 

19.1.16 12:32

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Jule (5.2.16 16:07)
Sehr schöner Bericht! Der gute heißt allerdings Rob Carter und nicht Bob

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