kunstlupe

Ein Kunsttagebuch von Stephanie Hauschild
 

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Holbein in Berlin

Für ein paar Tage waren wir mit den Kindern in Berlin: Im Naturkundemuseum gab es das Skelett des Tyrannosaurus Tristan Otto zu bestaunen und für mich noch beeindruckender die Knochen eines gigantischen Brachiosaurus mit winzigem Köpfchen. Lavendelparadiesvögel haben wir gesehen, einen großen Panda, Fische und Reptilien in Alkohol gefüllten Flaschen und Töpfen und eine Biodiversitätswand, die offenbar das Vorbild für die ganz ähnliche Installation im Hessischen Landesmuseum Darmstadt gewesen ist. Wir waren im Zoo, haben das Pergamonmuseum besucht, die Heimat des Drachen Muschchuschu und noch vieles mehr. Den Kindern hat es gefallen, die Eltern waren zufrieden.

Beim Spaziergang auf der Museumsinsel ist mir nun dieses Plakat aufgefallen. Die Fahne wirbt mit einem Detail der "Darmstädter Madonna" für eine Ausstellung über den Maler Hans Holbein dem Jüngeren im wunderschönen Bode-Museum . Gewiss ist das der perfekte Ort, um dem Meister zu huldigen. Anlass der Ausstellung war die großzügige Leihgabe des Schraubenfabrikanten Reinhold Würth, der das inzwischen als "Holbeinmadonna" bezeichnete Bild nach Berlin ausgeliehen hat. Tatsächlich trug das Bild aber über Hundert Jahre lang den Namen "Darmstädter Madonna". Als Prunkstück der Sammlungen des Hauses Hessen wurde es mehr schlecht als recht im Darmstädter Schlossmuseum ausgestellt. Unauffällig und schwer zugänglich hing es in einem dunklen Zimmer und konnte nur kurz während der am Wochenende stattfindenden Führungen betrachtet werden. Irgendeine Art von Werbung oder gar ein Büchlein über das Meisterwerk gab es nicht. So wundert es nicht weiter, dass das Bild im Gedächtnis der Darmstädter trotz seiner Bedeutung nur unzureichend verankert war und erste Nachrichten über einen möglichen Verkauf des Bildes nur von wenigen beachtet wurden.

Die späten und - meiner Meinung nach - nur halbherzigen Versuche der Stadt Darmstadt und des Landes Hessen das Gemälde für das Hessische Landesmuseum Darmstadt oder zumindest für das Frankfurter Städel zu erwerben, blieben auch deshalb erfolglos, weil die Darmstädter Politiker nicht wirklich interssiert waren, Unterhändler nicht geschickt und hartnäckig genug verhandelten und die geschlossenen Vorverträge offenbar einige Lücken aufwiesen. So konnte es geschehen, dass, obwohl schon ein Platz an der Wand im Hessischen Landesmuseum für die Madonna reserviert war, das Bild 2011 an Reinhold Würth verkauft wurde.

Reinhold Würth hat in seiner Heimatstadt Schwäbisch-Hall ein privates Kunstmuseum eingerichtet in dem das Madonnenbild nun einen Ehrenplatz hat. Er lud interessierte Darmstädter inzwischen mehrfach ein "ihr Bild" am neuen Ort zu besuchen und erwies sich als großzügiger Gastgeber. Kein Zweifel: das Bild ist gut untergebracht, für alle zugänglich und inzwischen wieder ein wesentlicher Teil der Forschungsdiskurs. Ausleihen in andere Museen stellen es einem großen Publikum vor, machen es auf diese Weise noch bekannter und steigern zugleich den Wert des Bildes. Und an dieser Stelle liegt für mich eine große Gefahr: Reinhold Würth hat zugesagt, dass er selbst das Bild nicht weiter verkaufen wird. Wie seine Erben mit dem Bild umgehen werden, ist hingegen überhaupt nicht klar. Die Zukunft der Darmstädter Madonna in Privatbesitz ist nicht gesichert und man kann nur hoffen, dass es in den nächsten Jahren nicht an jemanden weiter verkauft wird, dem die öffentliche Präsentation es Bildes gleichgültig ist. Dann würde die ehemalige Darmstädter Madonna nach ihren glanzvollen Auftritten in der Öffentlichkeit endgültig ins Privatleben abtauchen.

 

 

5.4.16 11:57

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