kunstlupe

Ein Kunsttagebuch von Stephanie Hauschild
 
 

Dublins Schätze

Vor einer Woche ist mein neues Buch erschienen. Darin geht es um die Herstellung von Büchern im Mittelalter. Die Arbeit daran hat viel Spaß gemacht, zumal ich mir im vergangenen Jahr deswegen eine Recherche-Reise nach Dublin gegönnt habe. In Irland war ich vorher noch nie, so dass ich nicht genau wußte, was mich dort erwartet. Heinrich Bölls Irisches Tagebuch war zwar eine schöne Einstimmung, stimmte aber zum Glück nicht mehr mit dem Irland überein, das ich dann zu sehen bekam. Die Anreise von Frankfurt ist problemlos, zum Hotel kommt man mit dem Bus auch ganz leicht. Dublin selbst ist übersichtlich und nicht zu groß. Am Flughafen grasten auf grünen Weiden gescheckte Tinker, die Pferde der Zigeuner. Das Wetter war grau, insgesamt präsentierte Irland sich so, wie man es aus der Werbung kennt.

Nicht erwartet hatte ich jedoch, dass die Dubliner - und vermutlich auch die übrigen Iren - derartig buchvernarrt sind. Als ich in Dublin ankam, beschäftigte man sich gerade mit "Eine Stadt liest ein Buch", das man ja auch aus anderen Städten kennt. Gelesen wurde - natürlich - "The Dubliners" von James Joyce. Neugierig geworden habe ich auch angefangen darin zu lesen, fand es aber ziemlich trostlos.

Zum Glück war ich ja nicht wegen Joyce in Dublin, sondern wegen einiger wesentlich älterer Bücher. Mein erster Weg führte mich in die Bibliothek des Trinity College zu einer der berühmtesten Handschriften überhaupt, nämlich zum "Book of Kells". "Das Book of Kells" enthält das Neue Testament und besteht aus insgesamt vier wunderschön beschriebenen und bemalten Bänden, von denen zwei stets in einem speziellen Raum der Bibliothek ausgestellt sind. Während meines Aufenthaltes habe ich mich jeden Tag in Schlange gestellt, um mir die aufgeschlagenen Seiten anzuschauen. Die Bücher liegen gut geschützt unter Glas in einer freistehenden Vitrine, um die man herumgehen kann. Das Licht ist so dunkel, dass es schwer fällt, sich Notizen zu machen, aber die Augen gewöhnen sich daran. Ausserdem ist man ständig in Bewegung, weil all die anderen Besucher die Bücher ja ebenfalls sehen wollen. Also nicht gerade ideale Bedingungen für die Erforschung eines Meisterwerks.

Auf das Buch hatte ich mich sehr gefreut, es gehörte schon während des Studiums zu meinen Lieblingskunstwerken. Doch mein erster Eindruck vom echten "Book of Kells" war enttäuschend. Ich weiß noch, dass ich dachte: es sieht ja genau so aus wie das Fakisimile! Ausserdem ist es viel kleiner als in der Erinnerung! Wozu eigentlich die ganze Mühe? Weil ich nun schon einmal da war, habe ich trotz des anfänglichen Entsetzens angefangen, das Buch genauer anzuschauen und im Nachhinein kann ich sagen, es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Denn egal wie gut gemacht die modernen Faksimiles alter Handschriften auch sind, für die genaue Betrachtung sind die Originale natürlich unersetzlich. Nur auf dem Original lassen sich die Beschaffenheit des Pergaments mit den Runzeln, Falten und Löchern erkennen. Spuren von mit dem Griffel gezogenen Umrisslinien, die Umrahmungen, die mit unglaublich spitzen Federn gezogen worden sein müssen, die unregelmäßig beschnittenen Buchseiten sieht man nur auf dem Original. Auch Schrift, Korrekturen und die Malweise sind nur dort wirklich genau zu erkennen. So hatte die Farbe an einigen Stellen Ränder gebildet, was darauf hinweist, dass die Maler gelegentlich wohl zu viel Farbe auf den Pinsel genommen haben, die dann in kleinen Pfützen etwas langsamer trocknete als der Rest.

Und noch etwas ist mir im Ausstellungsraum des Trinity College Library aufgefallen: die vielen ratlosen Besucher, die das Buch als Teil ihres Besichtigungsprogramms anschauten, aber gar nicht so recht wussten, was sie damit anfangen sollen. An der Ausstellung selbst liegt es nicht unbedingt: in den Vorräumen wird man umfassend und didaktisch klug über die irischen Handschriften aufgeklärt. Aber warum die Bände derartig bedeutend sind, erschließt sich allein aus der Anschauung lohne Vorwissen leider doch nicht. Vielen war offenbar überhaupt nicht klar, worauf man bei der Betrachtung achten sollte, welche Fragen man stellen und wie man das Gesehene einordnen kann. Bei den meisten blieb der Blick oberflächlich und flüchtig, obwohl es so viel zu schauen gibt bem "Book of Kells".


24.5.13 12:16

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