kunstlupe

Ein Kunsttagebuch von Stephanie Hauschild
 
 

Leopardenfell

Bei meinen Streifzügen durch die Stadt ist mir in der letzten Zeit ein Detail der weiblichen Kleidung augefallen: Leopardenfellmuster sind offenbar sehr angesagt. Es gibt kaum ein Kleidungsstück, das nicht auch in einer Leoversion erhältlich wäre: Oberteile, Unterwäsche, Taschen, Schuhe, Schals und Strümpfe, alles was das Herz begehrt - oder eben auch nicht. Warum ausgerechnet das Leopardenfellmuster zur Zeit so begehrt ist, weiß ich natürlich auch nicht.

Ich finde den Trend dennoch bemerkenswert, weil das Leopardenfell schon seit sehr langer Zeit Bestandteil der (weiblichen) Kleidung ist und weil es unterschwellig bis heute mit bestimmten Eigenschaften besetzt ist. Jede Trägerin hat sicherlich gute Gründe, sich mit dem Fell eines so schönen Tieres zu bekleiden. Leoprint steht den meisten Personen, unabhngig von Haut- oder Haarfarbe. Die Farben sind nicht zu bunt, das Muster ist attraktiv, für die meisten Kleidungsstücke muss kein Tier mehr sterben - oder zumindest keine bedrohte Art. Kleine Mädchen in Leopardenfelljacken oder Babys mit Leopardenmützchen sehen unbestreitbar niedlich aus - kleine kuschelige Kätzchen eben. Doch stellt sich bei mir in diesem Punkt auch ein leises Unbehagen ein...

Tatsächlich war das Leopardenfell nämlich nie ein Muster wie Schottenkaros oder Polkadots, das für Alltagskleidung bedenkenlos einsetzbar ist, weil es mit positiven Assoziationen wie Landleben, College, nostalgischen Gefühlen oder konservativen Werten vereinbar ist. Leopardenfell war und ist  - meiner Meinung nach - immer noch ein Statement für eine bestimmte Lebenseinstellung. Rock 'n' Roller wie Chuck Berry oder Keith Richards drückten mit dem Tragen von Leopardenfelljacken oder Schuhen in den 50er, 60er und 70er Jahren ihre eigene Wildheit und Unangepasstheit aus. Auch Frauen, die Leopardenfell in dieser Zeit trugen, wichen von der Norm ab. In gewissem Maße ist das bis heute auch so geblieben - man denke etwa an Kate Moss.

Mäntel, Jacken, Hüte aus echtem Leopardenfell konnten sich nur wenige Menschen leisten. So blieb der Leopardenfellmantel lange Zeit den Reichen und Schönen vorbehalten, Filmstars und Operndiven schmückten sich damit - und die Damen der Halbwelt. Das Leopardenfell zeigte den sozialen Status der Trägerin an. Als man anfing das prestigeträchtigen Leopardenpelz auf Stoffe zu drucken, verlor das Leopardenfellmuster viel von seiner Bedeutung als exklusives Luxusgut. Geblieben ist die deutliche sexuelle Symbolik, die Verbindung zur Halbwelt und die manchmal "nuttige" oder "billige" Anmutung bestimmter Kleidungsstücke (was auch daran liegen mag, dass viele Stücke in den "Billigketten" angeboten werden).

Die Optik des Leopardenfells jedoch - sei es nun echt oder ein Fake - überträgt in jedem Fall etwas von den Eigenschaften der Wildkatze auf die Trägerin. Traditionell werden dem Leoparden Eleganz, Schönheit, Mut, Verspieltheit und Stärke zugeordet - wer wäre das nicht gerne alles. Zu den negativen Eigenschaften des Leoparden zählen aber auch Wildheit und Grausamkeit, Aggressivität und sexuelle Freizügigkeit, die sich mit konservativen weiblichen Lebensentwürfen nicht so leicht in Deckung bringen lassen. Diese Verknüpfungen sind sehr alt und lassen sich über Darstellungen von Frauen in  Filmstills, Pinups und Fotografien, die Malerei über die Jahrhunderte bis in die Antike zurück verfolgen. Zu allen Zeiten hat man schöne, begehrenswerte Frauen mit Leopardenfellen oder lebendigen Exemplaren gemeinsam dargestellt.

Einen Ursprung hat diese Kombination in den Mythen und Bildern der griechisch-römischen Antike und im Kult des griechischen Gottes Dionysos. Dionysos oder Bacchus, wie er in Rom genannt wurde, trägt auf den alten Bildern, Mosaiken oder Vasen ein Leopardenfell, reitet auf Leoparden oder fährt in von Leoparden gezogenen Wagen. Auch seine Begleiterinnen, die wilden Bacchantinnen trugen Leopardenfelle. Die Bacchantinnen huldigten ihrem Gott, indem sie Wein tranken und wilde Feste - Bacchanalien - feierten bei denen es im Rausch zu sexuellen Handlungen kam, Tiere zerrissen und in Einzelfällen Menschen getötet wurden.

 

Meine Lieblingsmalerin Elisabeth Vigée Le Brun hat im späten 18. Jahrhundert ein Bild von einer solchen Anhängerin des Bacchus gemalt. Das Modell war die damals für ihre Schönheit und ihren unangepassten Lebenswandel ebenso geschmähte wie bewunderte Emma Hart. Sie war die Geliebte und spätere Ehefrau des englischen Gesandten am Hofe des Königs von Neapel, Lord William Hamilton. Emma und William führten eine skandalöse Beziehung, weil Hamilton noch verheiratet war, als Emma bei ihm einzog. Die spätere Ehe der beiden galt als nicht standesgemäß. Vigée Le Brun kannte ihre Geschichte und baute sie in das Bild mit ein. Sie hat Emmal in ein hauchdünnes durchscheinendes Gewand gehüllt, das ihre Reize betont. Das offene Haar und der Weinkelch versprechen kommende Atraktionen, aber auch Gefahren, denn das Leopardenfell auf dem die Schöne liegt, hat besonders große Zähne und Krallen. "Achtung vor dem Raubtier" scheint das Bild zu sagen.

"Achtung vor dem Raubtier", gilt das immer noch für die Kleidungsstücke, die in den Läden ausliegen? Oder ist das Leoprintmuster nur noch ein witziges Zitat, eine Ironisierung eines uralten Stilmittels, das inzwischen sogar die Kopftücher betagter Muslimas schmückt? Oder steckt in den Flecken des Leoprints immer noch etwas von den ursprünglichen Eigenschaften des Leoparden? Aber für wen ist diese Aussage dann bestimmt? Für Passanten, Freunde, Ehemänner, Liebhaber oder Chefs? Wenn die Frauen die Rolle der Raubkatze spielen, welche Rolle haben dann die Männer in diesem Spiel? Sind sie Jäger, Dompteure? Und ist die Frau im Leopardenfell dann Jagdtrophäe oder ein wildes Tier, das man zähmen kann oder sogar muss?

Und was bedeutet dies alles die kleinen Träger von Kinderjacken und Babymützchen?

 

14.10.14 14:14

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