kunstlupe

Ein Kunsttagebuch von Stephanie Hauschild
 
 

Mönch im Garten

 Am vergangenen Wochenende habe ich in einer ruhigen Stunde ein wenig in einem Antiquariat gestöbert. Eigentlich wolle ich gar nichts kaufen, aber weil die Bücher nicht teuer waren habe ich einen Ausstellungskatalog über den amerikanischen Maler Howard Kanovitz mitgenommen und einen kleinen Bestandskatalog der Gemäldesammlungen des Herzog Anton Ulrich-Museums in Braunschweig. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich dieses Museum noch nie besucht habe, obwohl ich natürlich weiß, was für wundervolle Bilder in diesem Museum auf Besucher warten.

Gekauft habe ich den Katalog vor allem, weil mir darin ein spätmittelalterliches Andachtsbild aus dem späten 15. Jahrhundert aufgefallen ist, das mich der Gartendarstellung wegen sehr interessiert. Ein Schwerpunkt meiner Tätigkeit als Autorin liegt ja auf dem Gebiet der mittelalterlichen Gärten. So bin ich auch immer auf der Suche nach neuen Bildern und das Braunschweiger Diptychon kannte bis zu diesm Samstag in der Buchhandlung überhaupt nicht.

Bei dem Braunschweiger Diptychon handelt sich um zwei Bilder, die durch Scharniere am Rahmen miteinander verbunden sind (daher die Bezeichnung Diptychon). Auf dem einen Bild sind Maria, ihre Mutter Anna und das Jesuskind dagestellt, auf der anderen Seite kniet ein Mönch in Begleitung der heiligen Barbara. Die weiße Kutte kennzeichnet den Mönch als Angehörigen des Kartäuserordens. Dazu passt auch die heilige Barbara, die von den Kartäusern besonders verehrt wurde. Mönch, Heilige und die besondere Form des Diptychon geben einige Hinweise auf den Gebrauch und die Herkunft des Bildes.  Diptychen wurden als Andachtsbilder für das Gebet genutzt. Manche wurden in Privatkapellen aufgestellt, andere aber auch in privaten Wohnungen und einige offenbar auch in Klosterzellen. Dies dürfte bei dem Braunschweiger Bild der Fall gewesen sein. Auch wenn Katalog und Beschreibungen keinen Hinweis über Herkunft des Bildes geben, ist doch anzunehmen, dass der dargestellte Mönch das Bild bei dem unbekannten Maler, der heute nach diesem Bild als "Meister des Braunschweiger Diptychon" bezeichnet wird, in Auftrag gegeben hat. Ob das relativ kleine Werk - es ist kaum höher als 35 cm - einmal seine eigene Klosterzelle schmückte - oder an einem anderen Ort aufbewahrt wurde ist nicht mehr zu rekonstruieren. Auf jeden Fall passt die Darstellung mit dem prächtigen Garten perfekt zu den Kartäusern, weil in diesem Orden die Beschäftigung mit dem Garten bis heute eine große Rolle spielt.

Solche Diptychen kann man zusammenklappen wie ein Buch oder eine Mappe. Tatsächlich hat sich mit der Darstellung des heiligen Bavo ein Bild auf der Rückseite der Tafeln erhalten, die zu sehen war, wenn das Bild geschlossen war. Was mit dem anderen Bild passiert ist, wissen wir nicht. Die Diptychon-Innenseiten waren auf jeden Fall nicht ständig zu sehen. Die Tafeln wurden auch nicht aufgehängt, sondern nur zu besonderen Gelegenheiten aufgestellt.

Spannend für mich ist nun, dass die beiden Innenseiten einen zusammenhängenden Garten wiedergeben, der im Hintergrund von einem Hof, Gebäuden, einer Mauer mit geöffnetem Tor, einer Landschaft und blauem Himmel abgeschlossen wird. Im Hof wächst ein einzelnes zierliches Bäumchen in einem runden Beet. Links neben er Mauer befinden sich drei, etwas erhöhte rechteckige Beete. Die heilige Anna sitzt auf einer gemauerten Rasenbank, während Tochter und Enkel es sich auf dem bunten Blumenrasen bequem gemacht haben . Auf der Rasenbank steht ein einzelner Blumentopf mit Nelken, die von einer Stütze umgeben sind, die die Blüten in Form hält. Solche Blumentöpfe mit Wuchshilfen kann man auf vielen mittelalterlichen Bildern finden, sie sind ein Hiweis wie wirklichkeitsnah spätmittelalterliche Bilder im Detail sein können. Überhaupt verraten derartige Heiligendarstellungen viel über die Gartenbegeisterung der damaligen Zeit und darüber, wie die Menschen ihre Gärten damals nutzten. Lässt an nämlich für einen Moment ausser Acht, dass es sich bei den beiden Frauen und das Kind um die heilige Familie handelt, sieht man lediglich zwei vornehm gekleidete Damen, die sich im Garten eines Schlosses oder einer Burg vergnügen. Die ältere liest in einem Buch, die jüngere spielt mit ihrem Kind. Der Garten scheint in weiblicher Hand zu sein, Männer - wie etwa ier Mönch - sind nur Besucher. Man pflegte einzelne Gewächse in Blumentöpfen, legte Beete an und nutzte auch Bäume als Zierpflanzen. Einen schön gepflegten Rasen wusste man offenbar bereits damals zu schätzen und man hatte nichts dagegen, dass im Rasen bunte Blumen wuchsen. In einer Zeit in der es fast  keine Gartenmöbel gab, setzte man sichauf den Rasen - oder wenn man nicht mehr ganz so beweglich war, nutzte man die Rasenbank, ein typisch mittelalterliches Ausstattungsstück, das seit dem 13. Jahrhundert belegt ist und inzwischen wieder viele Anhänger gefunden hat.

20.10.14 13:32

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